Im Einklang

Im Bayerischen Alpenraum schlagen seit Jahren die Wogen hoch, wenn es um den Bergwald und das Gams- und Rotwild geht. Während zum Schutz des Waldes vor allem die starke Wildbestandsreduktion gefordert und durch­geführt wird, haben einige private Waldbesitzer den Beweis erbracht, dass ein gesundes Miteinander von Wald und Wild auch heute durchaus möglich ist.

Berufsjäger Sepp Rinner hat das Glück in einem Privatrevier tätig zu sein, dessen Eigentümer sich noch ein Herz für das Wild bewahrt hat. Kein Wunder, denn beim Revierbesitzer handelt es sich um Baron von Cramer-Klett, den Sohn des weithin bekannten deutschen Jagdschriftstellers Ludwig Benedikt Freiherr von Cramer-Klett.
Natürlich spielt auch auf seinem Privatbesitz die profitable Forstwirtschaft eine große Rolle. Baron von Cramer-Klett hat deshalb verständlicher Weise größtes Interesse an einem gesunden Waldbestand und damit einer langfristig ausgelegten, wohl durchdachten Bewirtschaftungsstrategie. Wer aber die Gelegenheit hatte, sich in diesem Chiemgauer Revier umsehen zu dürfen, wird erstaunt sein, wie gut hier der Wald mit dem Wild harmoniert. Vermutlich überraschend für all diejenigen, die zuvor nur die Thesen so mancher staatlicher Forstbetriebe kannten.
Für Sepp Rinner ist die Betreuung des Cramer-Klett’schen Revieres auf jeden Fall eine äußerst anspruchsvolle Aufgabe. Zumal es sich mitten in einer Region Bayerns befindet, die bekannt dafür ist, dass dort seit Jahren Konflikte zwischen Waldbesitzern und Jägern schwelen.
Dass es Baron von Cramer-Klett dank Weitsicht, Sachverstand und Idealismus gelungen ist, ein Refugium zu erhalten, das neben Rot- und Gamswild auch vielen anderen Wildtieren einen intakten Bergmischwald als Heimat bietet, ist deshalb mehr als anerkennenswert. Aber auch seine Berufsjäger haben hier wirklich Bemerkenswertes geleistet. So wie Sepp Rinner, der heute ganz wesentlich dazu beiträgt, in dieser stark vom Tourismus frequentierten Region ein für alle Menschen wichtiges Erbe zu bewahren. Gunther Stoschek traf ihn Anfang August im Revier, um mehr über sein Konzept zu erfahren.

Stoschek: „Herr Rinner, wenn man sich den vorbildlichen Zustand des Waldes in Ihrem Revier anschaut und gleichzeitig beobachten kann, dass Rotwild am hellen Tage und in unmittelbarer Nähe zu stark begangenen Wander­wegen austritt, muss man sich zwangsläufig fragen: was läuft in vielen anderen Revieren falsch?“
Rinner: „Ich will und kann nicht die Strategien Anderer beurteilen. Dass es Problembereiche gab und gibt, weiß ich natürlich. Ich glaube aber, dass der Rot- und Gamswildbestand im Bayerischen Alpenraum heute wirklich nicht mehr zu hoch ist.“

Stoschek: „Es gibt aber doch Waldbesitzer und Forstbetriebe die das so sehen.“
Rinner: „Ja, es gibt Bereiche, in denen vor allem Verbiss-Schäden beanstandet werden. In sogenannten Schutzwald-Sanierungs­flächen kann das durchaus sein, vor allem deshalb, weil die sich oft in steilen 
Südlagen befinden, auf denen sich das Wild gerne aufhält. Dort 
wird es nämlich vom Menschen am wenigsten gestört.“

Stoschek: „Ist die Forderung nach noch höheren Abschüssen also gerechtfertigt?“
Rinner: „So pauschal sicher nicht! Hoher Jagddruck kann Schäden auch fördern. Und vielleicht wurde in der Vergangenheit bei den Ausweisungen als Sanierungsfläche auch mal zu groß­zügig vorgegangen. Manche dieser ruhig gelegenen Flächen sind ja gerade deshalb für viele andere Tiere lebenswichtig, weil sie offen sind, also nicht bewaldet.“

Stoschek: „Welche anderen Tierarten meinen Sie?“
Rinner: „Neben unzähligen Insekten und sonstigen Kleinlebewesen ist es vor allem das Auerwild, das offene Flächen in ruhiger Lage braucht. Man sollte bei allen Entscheidungen immer das Gesamte im Auge behalten. Und was das Rot- und Gamswild betrifft: mich ärgert etwas, dass gerade diejenigen, die den Wild­bestand generell als zu hoch ansehen, ihre Forderungen nach noch höheren Abschüssen kaum vor der nicht jagenden Bevölkerung, also auch den Touristen hier, publik machen. Denn das würde in der breiten Öffentlichkeit keine Sympathien wecken. Ganz zu schweigen von der Jagd in der Schonzeit, im tiefsten Winter.“

Stoschek: „Kommen Sie selbst denn im Revier mit Wanderern oder Bikern in Konflikt?“
Rinnter: „Jeden Tag! Ich werde aber nicht angefeindet, denn ich suche ja das Gespräch. Die Leute sind richtig dankbar, wenn man ihnen etwas vermittelt. In unserem Revier bekommen sie ja nicht selten Rotwild am hellen Tag zu sehen. Da gibt es immer Gesprächsstoff und Aufklärungsbedarf. Oft werde ich gefragt, warum wir das Wild im Winter erst füttern und ab Sommer dann schießen. Dass wir Menschen dem Rotwild die ursprünglichen Winterlebensräume genommen haben, ist den meisten ja gar nicht bewusst. Leider wird diese Tatsache, die heute für viele Probleme verantwortlich ist, von den Befürwortern hoher Abschusszahlen meist völlig ausgeklammert.“

Stoschek: „Herr Rinner, bei Ihnen funktioniert ja die These „Wald mit Wild“ augenscheinlich sehr gut. Was ist denn Ihr Erfolgsrezept?“
Rinner: „Ja, obwohl wir einen höheren Rot- und Gamswildbestand haben als viele andere Reviere in der Region, ist der Waldzustand in Ordnung. Das Auerwild hat sogar deutlich zugenommen. Das macht vielleicht etwas mehr Arbeit, aber es geht, wenn man Idealist ist. Mein Chef Baron Cramer-Klett ist das auf jeden Fall.“

Stoschek: „Aber was bedeutet das konkret?“
Rinner: „Beim Gamswild erlegen wir so viel, dass der Bestand stabil bleibt. Mehr Aufwand erfordert das Rotwild, das ist wesentlich sensibler. Wir wollen, dass es tagsüber sichtbar bleibt. Das gefällt uns und den Touristen. Das heißt aber, dass wir es auf den Almen so gut wie gar nicht bejagen. Dort macht es ja auch keinen Schaden. Im Winter füttern wir es dann an drei Stellen, damit wir es entsprechend lenken können.“

Stoschek: „Aber wann und wie bejagen Sie das Rotwild?“
Rinner: „In unserem Revier ist es so, dass im Juni die Schmaltiere und Spießer in der Regel immer in der Nähe der Alttiere stehen. Wenn wir da schießen würden, wäre die Beunruhigung zu groß, mit den bekannten negativen Folgen. Ich konzentriere mich also ab Mitte Oktober bis etwa Mitte Dezember auf bestimmte, halbwegs offene Flächen im Wald, über die das Wild morgens in die Einstände wechselt.“

Stoschek: „Das Rotwild müsste dann aber doch bald um diese Gefahr wissen?“
Rinner: „Ja, da muss man sehr besonnen sein. Die Jagdstrategie ist nämlich das Allerwichtigste. Morgens hat man den Vorteil, dass das Wild bei gutem Licht anwechselt, so dass man sehr schnell sehr sicher an­sprechen kann. Es hält sich auch gerne noch etwas länger auf den Freiflächen auf. Wenn da drei oder vier schussbare Stücke stehen, hat man gute Chancen alle zu bekommen. Das muss auch das Ziel sein, denn Rotwild ist extrem lernfähig. Kommt dagegen ein größeres Rudel, schieße ich nie. Mit etwas Gespür für Wild und Wetterlage kann man so mit relativ wenigen Ansitzen einen großen Teil des Abschusses erfüllen. Dann vielleicht noch eine oder zwei Riegel­jagden mit ein paar sehr routinierten Jägern, das war‘s dann schon. Für Anfänger ist das aber leider nichts.“

Stoschek: „Wie wir gesehen haben, verwenden Sie an Ihrer R8 einen Schalldämpfer. Ist das eine große Hilfe, wenn man mehrere Stücke Wild erlegen möchte?“
Rinner: „Ich habe den Schalldämpfer nur deswegen angeschafft, um meine Ohren und die meines Hundes zu schützen. Ich kenne zu viele schwerhörige Jäger. Ich muss aber zugeben, dass der Schalldämpfer bei der Jagd schon auch hilfreich sein kann. Das Wild hört den Schussknall natürlich genauso, aber meiner Erfahrung nach kann es die genaue Herkunft des Schusses nur schwer orten. Das hilft schon um mehrere Stücke zu bekommen. Ich muss es aber nochmal deutlich sagen: das wichtigste bei der Rotwildbejagung ist die richtige Strategie. Da wird am meisten falsch gemacht. Man kann zwar immer noch mehr Jagddruck ausüben. Wenn man es aber nicht richtig macht, werden Schäden geradezu provoziert. Darüber wird leider viel zu wenig geredet!“

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Gunther Stoschek

Gunther Stoschek has been hunting since his 16th birthday. This is one of the reasons he attaches more value to being outdoors and experiencing nature – and not just whether or not a hunt has ended successfully. “Maybe it does sound like a paradox at first, but without this respect and love for nature, one cannot be a good hunter”, says Gunther Stoschek. When asked why… “If you hunt, you need to understand nature as a whole”, adds the Blaser Creative Director. It makes him happy that this philosophy is shared by so many at Blaser; as well as by the majority of hunters in the hunting community. Gunther Stoschek jagt seitdem er 16 Jahre alt ist. Vielleicht auch deshalb misst er dem Naturerlebnis heute häufig mehr Bedeutung bei, als dem erfolgreichen Abschluss einer Pirsch oder eines Ansitzes. „Es klingt vielleicht paradox, aber ohne Liebe und Respekt für das Wild, kann man kein guter Jäger sein“, sagt Gunther Stoschek. Warum? „Beim Jagen geht es vielmehr darum, die Natur als Ganzes zu verstehen“, ergänzt der Blaser Creative Director, der sich freut, dass diese Philosophie bei Blaser – als auch der Mehrheit der Jäger – gelebt wird.

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