18.08.2026 • Revier & Praxis

Ein Winzer, der Weltklasse schießt

Gaël Poinsot lebt zwischen Weinberg und Schießstand. Was beide Welten verbindet, ist sein kompromissloser Anspruch an die Qualität und den richtigen Moment.

Wenn der 38-jährige Franzose über das Schießen spricht, klingt es manchmal, als spräche er über Wein. Über Geduld. Über Balance. Über jene feinen, kaum sichtbaren Details, die am Ende entscheiden, ob etwas gut wird oder außergewöhnlich. Im Weinberg kann ein einziger falscher Schnitt, ein zu spätes Eingreifen, ein Wetterumschwung zur falschen Zeit eine Ernte verändern. Auf dem Schießstand ist es ähnlich: ein schlechter Schlaf, eine unruhige Anreise, ein Moment der Unkonzentriertheit. „Da darf kein einziges Sandkorn im Getriebe sein“, weiß Gaël Poinsot.  

Dieses Denken passt zu einem Mann, der zwei Welten miteinander verbindet, die auf den ersten Blick weit auseinanderliegen: die Arbeit auf dem familiären Weingut, dass bereits von der vierten Poinsot-Generation bewirtschaftet wird und die blitzschnelle Entscheidung eines Flintenschützen, der innerhalb von Sekundenbruchteilen Flugbahn, Tempo und Gefühl zusammenbringen muss.

Sein Weg beginnt mit 14 Jahren, durch einen Freund seines Vaters, einen Jäger. Dieser Mann nimmt ihn mit, lässt ihn ausprobieren, erkennt Talent und Potenzial und glaubt an ihn. Nicht nur für einen Nachmittag, sondern über Jahre. Vielleicht ist das der erste entscheidende Treffer in Gaël Poinsot Karriere: dass jemand früher an ihn glaubt, als er selbst schon beweisen kann, was in ihm steckt.

Eine Prophezeiung wird wahr
Aus dem ersten Versuch wird ein Rhythmus. Ein kleiner Schießstand, acht Kilometer von zu Hause entfernt. „Es war die Leidenschaft, die mich antrieb und jedes Wochenende auf dem Schießstand verbringen ließ“, erinnert sich der Winzer. Weil er zu jung für einen Führerschein war, nimmt ihn der Präsident des Clubs zu Sichtungen und französischen Meisterschaften mit. Später fährt er selbst. Der Freund seines Vaters hatte ihm früh prophezeit, dass er mal der Beste sein würde. 2021 sollte es dann so weit sein: Gaël Poinsot wird Weltmeister im Sporting. Eine seiner schönsten Erinnerungen seiner sportlichen Laufbahn. Nur zwei Jahre später war er wieder ganz vorne mit dabei und belegte den zweiten Platz bei der Weltmeisterschaft: „Nur George Digweed lag auf der Weltrangliste vor mir.“

Sein sportlicher Ehrgeiz ist nach wie vor da. Gaël Poinsot möchte wieder regelmäßig ganz oben mitschießen. Gesagt, getan. Bei der Weltmeisterschaft im Sporting belegte er Platz 7 (183/200), bei dem Europäischen Compak Sporting Meisterschaften Platz 6 (197/200) und bei den Französischen Compak Sporting Meisterschaften Platz 4. Noch fehlt ihn im Compak eine große Medaille, im Parcours möchte er mit Blaser wieder auf die oberste Stufe des Podests kommen. Er weiß, wie schwer das ist: „Dorthin zu kommen ist hart, dort zu bleiben noch härter.“ Der Unterschied zwischen guten und exzellenten Schützen? Für ihn: Umfang, Training, Professionalität. Er misst sich mit den Besten, obwohl er weniger trainiert als viele von ihnen.

Reset mit der FBX
Auf dem Weg auf das Podest begleitet ihn seit diesem Jahr die FBX, mit der er in kürzester Zeit exzellente Ergebnisse verbuchen konnte. Auch das ist nicht selbstverständlich. „Es kann durchaus bis zu einem Jahr dauern, bis man sich an eine neue Flinte gewöhnt hat, doch ich habe in rund zwei Monaten geschafft“, und Stolz schwingt in seiner Stimme mit. Was ihn an der Flinte überzeugt, beschreibt er technisch, aber mit echter Wertschätzung: sehr führig, kein Hochschlag, sauber verteilter Rückstoß, sehr gute Läufe, sensibler Abzug. Es ist die Sprache eines Mannes, der Material nicht als Statussymbol betrachtet, sondern als Werkzeug. Ein gutes Werkzeug muss schön sein dürfen, aber vor allem muss es stimmen.  

Bei allem sportlichen Ansporn, verwendet Gaël Poinsot keine großen Worte. Er spricht nüchtern, fast handwerklich. Schießen ist für ihn nicht Beruf, sondern Leidenschaft. Er hat einen Job, er ist Winzer in der Champagne. Der Sport wird darum nicht kleiner, aber er bleibt eingeordnet. „Ich habe meine Arbeit, und dann konzentriere ich mich auf meine Leidenschaft“, sagt der 38-Jährige.

Besonders freut es ihn, dass er sein Wissen an seinen zwölfjährigen Sohn Léopold weitergeben kann. Rückblickend hätte sich Gaël Poinsot auch gewünscht, früher jemanden gehabt zu haben, der ihm die Anpassung einer Sportflinte richtig erklärt. Kein Händler, kein Büchsenmacher, kein Konkurrent habe ihm das damals beigebracht. Heute richtet er die Flinte seines Sohnes so ein, wie er es für richtig hält, und freut sich, wie schnell der Junge Fortschritte macht. Bei dem diesjährigen Blaser Cup hat er bei den Junioren den zweiten Platz belegt – genau wie sein Vater in der offenen Klasse!

 

Text: Alexandra Berton; Fotos: Alexandra Berton, Stephanie Göhrig

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