Gams in Gefahr?
Im Gespräch mit Wildbiologe Professor Dr. Klaus Hackländer. Er leitet das CIC-Gams-Forschungsprojekt, welches die Blaser Group finanziell unterstützt hat.
Herr Professor Hackländer, ist die Gams in ihrem Bestand gefährdet?
Das ist genau die Frage, die wir mit dem Forschungsprojekt „Die Gams im Klimawandel“ beantworten und mit Fakten unterlegen möchten. Dazu besendern wir im Rahmen des auf drei Jahre angelegten CIC-Forschungsprojekts Gämse, um herauszufinden, wie Gamspopulationen auf klimatische Veränderungen im Alpenraum reagieren. Wenn nötig, entwickeln wir danach angemessene Schutzstrategien zum Schutz der Gams und ihres alpinen Lebensraumes.
Also ist die Gams in Gefahr?
Tendenziell schon, wie der Blick auf überwiegend sinkende Strecken und Bestände zeigt. Aber in vielen Gebieten wissen wir gar nicht, wie viele Gämse es gibt, da dort die EU-Mitgliedsstaaten ihrer Zählverpflichtung nicht nachkommen. Das ist aber die Grundvoraussetzung für ein verantwortungsvolles und nachhaltiges Management.
Ist auch Deutschland säumig?
Leider ja. Dabei schreibt die Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFH) ausdrücklich vor, dass die im Anhang 5 aufgeführten Wildtierarten, zu denen auch die Gams gehört, nur gemanagt werden dürfen, wenn sichergestellt ist, dass durch dieses Management der günstige Erhaltungszustand des Bestandes nicht gefährdet ist. Wenn dann die Gams in manchen Gebieten radikal gejagt wird, obwohl es keine ausreichenden Informationen über den Bestand vorliegen, erweckt das leicht den Eindruck man wolle diese Art völlig aus dem alpinen Lebensraum verbannen.
Weil der Schutz des Waldes priorisiert wird?
Die Fürsorge für den Wald, sei es als Schutzwald oder als CO₂-Speicher, ist berechtigt. Aber die Frage ist, müssen wir tatsächlich in dem Maße Bestände reduzieren, wie es in manchen Gebieten erfolgt? Um sachgerecht über ein nachhaltiges Management zu entscheiden, ist es deshalb wichtig, mehr über die Gamspopulationen zu erfahren. Und dabei spielen Jäger oft eine wichtige Rolle. Ohne sie wüssten wir in vielen Gebieten gar nicht wie es der Gams geht. Außerdem unterstützen sie uns bei der Besenderung der Wildtiere.
Wie reagieren die Gamspopulationen denn auf die steigenden Temperaturen?
Noch gibt es keine klare Datenlage, da die Gams innerhalb ihres Verbreitungsgebietes sehr unterschiedliche Lebensbedingungen vorfindet. Die Gams in den Südalpen hat schon jetzt sehr viel Stress durch die heißen Sommer, während die Gams in den Zentralalpen immer noch mit viel Schnee zurechtkommen muss. Grundsätzlich scheint sich die Gams sehr flexibel anzupassen. Dabei steigen sie entweder höher auf oder verschieben ihre Streifgebiete in tiefergelegene Gebiete.
Mit welchen Konsequenzen?
Beide Strategien bedingen unterschiedliche, neue Herausforderungen. Wenn Gämse aufsteigen, werden sie von der wachsenden Zahl der Sommertouristen gestört. Die mit der Errichtung von Windrädern oder Solaranlagen verbundene Erschließung von höher gelegenen Gebieten macht es eben auch leichter, dort mit dem E-Bike unterwegs zu sein.
Und weiter unten?
Kommt es dann zu den bereits bekannten Konflikten im Spannungsfeld Wald-Wild. Im Rahmen des Forschungsprojekts untersuchen wir jedoch nicht nur die Arealverschiebungen, sondern können auch den Zustand der Wildtiere beurteilen, beispielsweise wie sich ihre Kondition entwickelt. Dabei zeigt sich auch, ob der neue Lebensraum dauerhaft für die Gämsen geeignet ist. Durch das Leben in Rudeln, erhalten wir zudem aussagekräftigere Informationen, als wenn es sich ausschließlich um die Beobachtung eines Einzeltieres handeln würde.
Kommt es durch die Besendung zu überraschenden Ergebnissen?
Absolut. Selbst bei Jägern, die ihre Reviere sehr gut kennen, stellt es sich schon mal heraus, dass ihr Standwild ebenso beim Nachbarn als Standwild eingeordnet wird. Außerdem erfahren wir dank der Sender auch, was die Gämse machen und wie sie auf Störungen, beispielsweise durch Skitourer, reagieren. Durch die Zusammenarbeit werden wir gemeinsam schlauer!
Welche Auswirkungen hätte es für den alpinen Lebensraum, wenn die Gams langfristig verschwinden würde?
Auch wenn sie keine für den Lebensraum essenziell wichtige Tierart ist, ist die Gams sicherlich eine Charakterart für den alpinen Lebensraum. Deshalb bin ich davon überzeugt, dass sie uns allen fehlen würde. Auch deshalb wird es wichtig sein, dass sich alle Naturnutzer in diesem Naturgebiet künftig zurücknehmen, um der Gams ihren Lebensraum zu lassen.
Das Projekt „Die Gams im Klimawandel“ unter der Leitung des Internationalen Rats für Erhaltung des Wildes und der Jagd (CIC) und von Professor Dr. Klaus Hackländer, Präsident der CIC-Division Angewandte Wissenschaft und Vorstand der Deutschen Wildtier Stiftung, koordiniert, erforscht, wie sich diese Wildtiere an die Erwärmung des Planeten anpassen. Das Ziel ist ihr Verhalten besser zu verstehen und nachhaltige Managementstrategien zum Schutz der Gams als auch ihres alpinen Lebensraumes zu entwickeln. Neben der BOKU University Wien wirken auch die Universitäten Sassari (Italien) und Zagreb (Kroatien) mit.
Zur Person:
Professor Dr. Klaus Hackländer lehrt an der Universität für Bodenkultur Wien und leitet das Institut für Wildbiologie und Jagdwirtschaft. Seit seiner Jugend im Naturschutz aktiv, beschäftigt er sich seit mehr als 30 Jahren im universitären Bereich. mit Themen wie Wildtierökologie, Naturschutz und Biodiversität. Der gebürtige Mannheimer ist selbst kein Jäger, ist aber beruflich bedingt viel auf Jagden dabei und isst am liebsten Wildbret.