30.06.2026 • Jagd & Jäger

Vampir-Jäger

Inmitten der Parks und Schlösser Südenglands lebt eine faszinierende Wildart, die wie aus einer anderen Zeit wirkt. JÄGER-Autor Frederic Norheimer hat eine spannende Jagd auf Muntjak erlebt.
 

Weite gepflegte Kulturlandschaften, traditionsreiche Jagdmethoden und ein Wildreichtum, der in dieser Dichte auf dem europäischen Festland kaum mehr zu finden ist. Hier steht Damwild in großen Rudeln in der Feldflur, hier ziehen Rotwildrudel durch alte Parklandschaften, und hier findet man auch jene besonderen Wildarten, die einst als Exoten galten – heute jedoch fest zum jagdlichen Alltag gehören. Eine davon ist das aus Südostasien stammende Muntjak.

Anspruchslose kleine Parkbewohner

Ihre enorme Anpassungsfähigkeit ist beeindruckend. Ob strukturreiche Agrarlandschaft, dichte Heckenkomplexe, Parkanlagen oder junge Aufforstungen, überall finden die Muntjaks Deckung, Äsung und Einstand. Mit einem Gewicht, vergleichbar mit einem schwachen Rehkitz, wirkt das Stück zunächst sehr unscheinbar. Der Bock trägt kurze, spießartige Gehörne, die auf auffällig verlängerten Rosenstöcken sitzen.

Noch markanter sind jedoch die verlängerten oberen Fangzähne. Diese dolchartigen Waffen können mehrere Zentimeter aus dem Äser ragen und werden in innerartlichen Auseinandersetzungen eingesetzt. Besonders interessant fand ich den kräuterähnlichen Duft der Augenmulden, welche der Muntjak-Bock zur Markierung seines Revieres nutzt. Oft sieht man Böcke mit vernarbten Läufen, geschlitzten Lauschern der Narben im Bereich des Trägers – Zeichen harter Revierkämpfe.

Aufbruch in ein vertrautes Jagdland

Wildbiologisch betrachtet sind Muntjaks aufgrund ihrer ganzjährigen Fortpflanzungsfähigkeit besonders interessant. Es existiert keine feste Brunftzeit wie bei heimischen Hirscharten. Interessanterweise kann der Buttolo-Blatter sehr effektiv bei der Jagd genutzt werden. Gleichzeitig führt die hohe Reproduktionsrate dazu, dass die Bejagung intensiv erfolgen muss. Schäden an Jungpflanzen, Feldfrüchten und sensiblen Biotopen sind keine Seltenheit.

Meine Reise beginnt an einem kühlen Frühlingsmorgen in Frankfurt. Der Himmel ist noch grau, als ich mit gepackter Jagdtasche den Flughafen betrete. Trotz mehrfacher Reisen nach England verspüre ich jedes Mal diese besondere Mischung aus Vorfreude und innerer Anspannung. Der Flug nach London Heathrow ist kurz. Es ist kaum Zeit, sich gedanklich richtig einzustimmen, da setzt die Maschine bereits wieder zur Landung an. Die Einreise erfordert heute mehr Vorbereitung als früher. Ein gültiger Reisepass ist obligatorisch, ebenso eine elektronische Reisegenehmigung, die rechtzeitig vor Abflug beantragt werden muss. Ich habe mich der Bürokratie wegen entschieden, ohne meine eigene Waffe zu reisen.

Mein Gepäck konzentriert sich daher nur aufs Wesentliche für die Pirsch: Robuste, wasserdichte Stiefel, wind- und regendichte Bekleidung, Jagdschein und ein Wärmebildgerät mit Tagsichtkanal, um ganz herkömmlich abglasen zu können.

Britische Tradition und Jagdkultur hautnah

Nach der Landung werde ich bereits erwartet. Ein fester Händedruck, ein ehrliches Lächeln – typisch englisch. Die Fahrt ins Revier dauert etwa eine Stunde. Während wir durch eine scheinbar endlose Abfolge aus Feldern, Hecken und Waldparzellen fahren, sehe ich immer wieder Damwildrudel in beachtlicher Stärke. Teilweise stehen über fünfzig Stück auf einer Fläche. Aber auch die ersten Muntjaks, die am Straßenrand äsen. Überall sieht man Hasen, Fasane und sogar Rotwild. Wildschäden sind hier tägliche Realität. Jagd wird daher nicht nur aus Leidenschaft betrieben, sondern auch aus Verantwortung gegenüber Landnutzern.

Das britische Jagdsystem unterscheidet sich grundlegend vom deutschen Reviersystem. Es existiert kein flächendeckendes Pachtsystem. England wirkt vielerorts wie eine große, sorgfältig gepflegte Parklandschaft. Hier gehen riesige Gärten nahtlos in strukturreiche Feldfluren über. Heckenstreifen gliedern die Landschaft wie natürliche Wälle. Und genau hier liegt ein Habitat, das für die Munjaks wie geschaffen ist.

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Wie kleine Gespenster im Heckenstreifen

Die Pirsch erfordert ein langsames Vorgehen. Jeder Blick in eine Heckenlücke könnte bereits Anblick bringen. Oft wird die R8 im vertrauten Kaliber 6,5 Creedmoor auf dem Schießstock positioniert, ein Blick durch das Wärmebildgerät, gleichzeitig wird mit dem Blatter gefiept – jedes Mal aufs Neue Spannung pur. Durch diese gemächliche Art stehen die Chancen auf einen der kleinen asiatischen Hirsche deutlich besser. Langsam arbeiten wir uns entlang einer Wiesen- Wald-Kante vor, durchstreifen ein Waldstück, vorbei an kleinen Teichen. Überall Enten und eine hohe Artenvielfalt an Vögeln, ebenso aber auch immer wieder heimliche Wiesen. Plötzlich sehe ich eine Bewegung. Ein Blick durchs Zielfernrohr. Der Jagdführer schaut durchs Fernglas. Wieder nutzt er seinen Blatter, da das Haupt des Stückes durch das Gras verdeckt ist. Als er das Haupt hebt, äugt uns der Muntjak direkt an. Doch dann äst er wieder ruhig und zieht weiter. Kein klares Verhoffen, keine ideale Schusschance. Mein Puls steigt, Jagdfieber breitet sich aus. Die Distanz schwankt zwischen 180 und 200 Metern, der Wind steht nicht optimal. Immer wieder vergewissere ich mich über die Entfernung. In solchen Situationen spielt die 6,5 ihre Stärken aus. Die Klicks am ASV-Turm habe ich bereits angepasst und warte. Dann endlich bietet mir das Stück mit den langen Eckzähnen die Möglichkeit zum Schuss. Egal, wie oft man Beute macht, es macht sich doch immer wieder Jagdfieber breit. Auf meinen Schuss hin verendet das Stück im Feuer.

Als wäre die Zeit hier stehen geblieben ...

Langsam treten wir ans Stück heran. Mein Guide klopft mir auf die Schulter, zieht mich schließlich in eine kurze Umarmung. Meine Freude ist riesig, denn vor mir liegt mein erster Muntjak. Mit markanten Rosenstöcken, deutlich sichtbaren Eckzähnen und einem vernarbten Gesicht, ein wirklich uriger Kerl. Es ist nicht der Trophäenwert der zählt, es ist die Intensität des Erlebnisses. Die Pirsch ist noch lange nicht beendet.

In England ist es üblich, auf einer Muntjakjagd mehrere Stücke zu erlegen. Die Bestände sind hoch, und so ziehen wir weiter durch die nassen Wiesen. Der Himmel brennt in warmen Farben. Aus der Ferne erklingen die Laute der Fasanengockel, die aufbaumen bzw. abstreichen. Entweder ist es ein Zeichen, dass ein Räuber sein Unwesen dort treibt oder dass die Muntjaks hier gerade unterwegs sind. Wir erlegten an diesem Abend noch weitere Muntjaks. Die Faszination der Jagd in England hat mich gepackt.

Ich war bereits mehrfach in diesem Land zur Jagd. Und doch fühlt sich jede Reise neu an. Vielleicht liegt es an der einzigartigen Kombination aus jahrhundertealter Jagdtradition und moderner Wildbewirtschaftung. Vielleicht an der offenen, ehrlichen Gastfreundschaft der britischen Jäger. Oder an Wildarten wie Muntjak und Wasserreh, die uns daran erinnern, wie vielfältig und überraschend Jagd sein kann. Die Pirsch auf diesen kleinen „Vampir“ verlangt Konzentration und schnelles Reagieren. Sie belohnt einen jedoch mit intensiven Naturerlebnissen und jagdlichen Erinnerungen, die man nie vergisst.

 

Mit freundlicher Genehmigung "JÄGER Magazin" und Frederic Norheimer. 

 

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